„Der Regenwurm macht nie Urlaub“
IBLA-Mitarbeiter besuchten die Wissenschaftstagung ökologischer Landbau in
Gießen
- Artikel erschienen im "Lëtzebuerger Bauer" am 29.04.11 -
Vom 15. bis 18. März trafen sich rund 400 Wissenschaftler zur elften Wissenschaftstagung ökologischer Landbau an der Universität Gießen. Auch die IBLA beteiligte sich mit drei Mitarbeitern an der diesjährigen Tagung um Kontakte mit anderen Wissenschaftlern zu pflegen und neue Erkenntnisse und Erfahrungen auszutauschen. Zu den „Dialog-Workshops“ konnten zusätzlich rund 80 Berater und Praktiker aus dem Biolandbau begrüßt werden. Diese Workshops wurden auf der Wissenschaftstagung neu eingeführt, um den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis zu fördern, ganz nach dem Tagungsmotto: „Es geht ums Ganze: Forschen im Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis“. Die Tagung wurde von der Professur für Organischen Landbau an der Justus-Liebig-Universität Gießen, dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL Deutschland e.V.), dem Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) und der Stiftung Ökologie & Landbau (SÖL) ausgerichtet.
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| Feldbegehung des Versuchs zur reduzierten Bodenbearbeitung mittels Stoppelhobel auf dem Bio-Betrieb von Guy Arend in Pétange |
Wissenschaft und Praxis: Exkursionen und „Dialogworkshops“
Eine der insgesamt vier Exkursionen beschäftigte sich mit den Agrarräumen Mittelhessens. Prof. Harrach, Bodenkundler an der Universität Gießen, führte uns fachkundig durch den ersten Teil der Exkursion. So erläuterte er am Osthang des Albachtales anhand von Bodenprofilgruben die Charakteristika eines Bodens, der reduziert bearbeitet wird., und verwies v.a. auf die Bedeutung der Regenwürmer für die Bodenfruchtbarkeit. Auf dem Dottenfelderhof, der seit 1968 ökologisch bewirtschaftet wird, stellte Dr. Spieß seine langjährige Züchtungsarbeit vor. Seine Winterweizensorten Jularo und Butaro schnitten auch im Bio-Sortenversuch in Luxemburg, v.a. hinsichtlich der Qualität, sehr gut ab.
Die Dialogworkshops förderten in der Tat den aktiven Dialog zwischen Wissenschaftlern, landwirtschaftlichen Beratern und Landwirten. So wurde u.a. das kontroverse Thema der „Bio-Herbizide“ diskutiert. Es handelt sich um natürlich vorkommende Substanzen mit herbizider Wirkung, wie zum Beispiel Citronella-Öl, deren Anwendung bisher im Biolandbau nicht erlaubt ist. Prof. Köpke vom Institut für Organischen Landbau in Bonn argumentierte, dass die Zulassung solcher Bio-Herbizide die Nutzung von Direktsaat-Verfahren auch im Biolandbau erlauben würde. Diese Verfahren schützen gefährdete Standorte nicht nur vor Erosion, sondern verlangen auch geringere Sprit-Aufwendungen. Uwe Deckert vom Biolandhof Ohler Mühle in Isarlohn mahnte hingegen, dass die Zulassung natürlicher Herbizide in der Biolandwirtschaft einen weiteren Schritt gegen ihre ursprünglichen Prinzipien darstellen könnte. Die Frage, warum Bio-Fungizide und –Insektizide bislang im Bio-Landbau akzeptiert wurden, die Einführung von Bio-Herbizide aber oftmals abgelehnt wird, wurde prominent diskutiert.
Im sehr gut besuchten Workshop „Reduzierte Bodenbearbeitung“ stellten Spezialisten wie Dr. Paul Mäder vom FiBL/Schweiz und Dr. Harald Schmit vom SÖL, den Stand der Forschung in diesem Bereich vor. Diese beiden Wissenschaftler stehen auch mit der IBLA in intensivem fachlichem Austausch. Ähnlich wie Prof. Harach, stellte auch Uwe Brede, erfahrener Landwirt, die Wichtigkeit des Regenwurms heraus: Er sei ein wertvoller „Landarbeiter“, erledige seine Arbeit zuverlässig, koste nichts und mache niemals Urlaub. Daher müsse man ihn hegen und pflegen und ihn v.a. gut füttern, was durch eine reduzierte Bodenbearbeitung gegeben sei. Auf eine ausgiebige Diskussion folgte die Schlussfolgerung, dass der Bearbeitungszeitpunkt sowie die Anpassung der Technik an den jeweiligen Betrieb für den Erflog der reduzierten Bodenbearbeitung maßgeblich ist. Wichtig seien zudem die Fruchtfolge und ausreichend Biomasse für den „Landarbeiter“. Auf Sandstandorten könnte die Anwendung reduzierter Bodenbearbeitung, u.a. aufgrund des geringeren Vorkommens an Regenwürmern, schwierig sein. Das System der reduzierten Bodenbearbeitung hat große Potenziale, was die Bodenfruchtbarkeit und den Klimaschutz angeht, es besteht jedoch weiterhin großer Forschungsbedarf.
Im Dialogworkshop „Körnerleguminosen“ wurde über die Probleme im Anbau, die Zucht und die Alternativen sowie über den zukünftigen Handlungsbedarf heftig diskutiert. Mangelnde Standfestigkeit, geringe Ertragsstabilität, ein geringer Marktpreis, antinutritive Inhaltsstoffe und Unkrautdruck sind einige dieser Anbauprobleme. Zuchtprogramme gibt es in Europa nur sehr wenige; als Alternativen wurde der Anbau der Sojabohne oder die Verarbeitung von Grünland in proteinreiche Pellets diskutiert. Der Handlungsbedarf liegt v.a. bei den Züchtern und den Wissenschaftlern, um den heimischen Körnerleguminosenanbau voranzubringen. Die Ergebnisse dieses Workshops wurden sorgfältig protokolliert und sollen publiziert werden.
Fachlicher Austausch – die Fachsektionen
Fachliche Fragen wurden darüber hinaus in „Fachsektionen“ diskutiert, auch zum Thema Raps. Vor allem der Anbau von Raps in Kombination mit Rübsen als Fangpflanze wurde vorgestellt. Zusammenfassend kann man sagen, dass weder im Fangstreifen- noch im Mischsaatenanbau die geringe Ertragsleistung der Rübsen-Fangpflanzen durch den Mehrertrag des Rapses kompensiert werden konnte. Der erwünschte Effekt der Schädlingsreduzierung, v.a. des Rapsglanzkäfers, konnte nicht erzielt werden. Ob eine Direktbekämpfung der Schädlinge im Rübsen-Streifen eine Lösung darstellen kann, muss in weiterer Forschungsarbeit geklärt werden. Auch die Durchführung von Rapssortenversuchen stellte sich am Standort Trenthorst aufgrund von hohem Schädlingsdruck, Mäuseschäden, starker Verunkrautung und dem Auftreten der Knospenwelke als sehr schwierig heraus. In Punkto Erträge zeichnete sich kein eindeutiger Trend ab, wobei die Hybridsorte Visby in einigen Jahren überzeugen konnte, wie Dr. Böhm schilderte. Der Bio-Rapsanbau bleibt also weiterhin schwierig und der Forschungsbedarf ist nach wie vor enorm.
In der Fachsektion Klimaschutz-Treibhausgasemissionen zeigte Dr. Ralf Loges in seinem Vortrag „Klimagasemissionen im Futterbau: Vergleich von Leguminosen-basierten und intensiv stickstoffgedüngten Grünlandbeständen“, dass Leguminosen-reiche, mit geringer Stickstoffintensität bewirtschaftete Bestände vergleichbare Trockenmasseerträge erzielen können als intensiv gedüngte Grünlandbestände. Zudem stellen Leguminosen-Gras-Mischungen im Hinblick auf die Klimarelevanz eine gute Alternative zu hochgedüngten Graslandbeständen da, aufgrund ihrer geringen Freisetzungsraten an CO2-Äquivalenten. Herr Thorsten Biegemann analysierte den Energieeinsatz und die Energieeffizienz bei der Futtererzeugung in der Milchviehhaltung und kam zum Schluss, dass Futterrationen mit hohem Grundfutteranteil einen geringeren fossilen Energiebedarf bei der Futtergewinnung aufweisen als Futterrationen mit hohem Kraftfuttereinsatz.
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| Forschen für die Praxis: Wissenstransfer bei der Feldbegehung der Wintergetreidesortenversuche in Derenbach |
Insgesamt zeigen die bisherigen Untersuchungen zum Klimaschutz in der Bio-Landwirtschaft positive Tendenzen, jedoch fehlt es an klaren verbindlichen Aussagen. Die Wissenschaftler waren sich weitgehend einig, dass die biologische Landwirtschaft nicht an dem einzigen Maßstab „Klimaschutzrelevanz“ gemessen werden darf, sondern vielmehr die gesamte Wirkung des biologischen Landbaus in Betracht gezogen werden muss. Ob Pferdekraft eine Option für die Landwirtschaft sein kann, wurde in zwei sehr engagierten Vorträgen beleuchtet. Neue Technik kommt auch hier zum Einsatz und dem Boden tut es auf jeden Fall gut. Wenn es also bald kein Erdöl mehr gibt....
In der Fachsektion „Pflanzenbau Körnerleguminosen“ stellte Dr. Sabine Gruber die „Entwicklung von Anbausystemen für Linse für den ökologischen Landbau vor“. Wie bei vielen Körnerleguminosen ist auch bei der Linse die Standfestigkeit für die Ernte und den Druschertrag auschlaggebend. Empfehlenswert sind daher nicht die Linsenreinsaaten, sondern der Mischanbau von Linse und Nacktgerste. Auch der Saatzeitpunkt spielt eine entscheidende Rolle: frühe Saat bietet Ertragsvorteile, späte Saat ermöglicht eine intensivere Unkrautkontrolle. Dr. Peer Urbatzka berichtete von seinen Untersuchungen zur Winterhärte von Wintererbsen und kam zu dem Schluss, dass die Sorte einen wesentlichen Einfluss auf die Überwinterung von Wintererbsen hat. So wiesen nur Erbsen mit einem gedrungenen Rosettenwachstum vor Winter und einer qualitativ photoperiodischen Sensibilität eine ausreichende Winterhärte auf, so z.B. die Sorte EFB 33. Auch hier ist der Aussaatzeitpunkt entscheidend. Herr Martin Hänsel stellte einen Versuch vor, in dem er die Regeneration von Körnerleguminosen nach physikalischer Schädigung in der Jungphase untersuchte, um Rückschlüsse auf die Belastung durch den Striegel ziehen zu können. In seinem Versuch ging er radikal vor und verschüttete junge Körnerleguminosenpflanzen, brannte sie mit der Gasflamme ab oder schnitt junge Triebe mit der Schere ab. Nach Sprossverlust oder Abdeckung regenerierten sich die Pflanzen gut und entwickelten sich vergleichbar mit den unbehandelten Pflanzen. Der Ertragsverlust lag zwischen 39% und 75% im Vergleich zur Kontrolle. Herr Hänsel schlussfolgerte einen erheblichen Spielraum für intensive Striegeleinsätze in frühen Stadien insbesondere bei Erbse und Ackerbohne, aufgrund der guten Regenerationsfähigkeit dieser Pflanzen. Zudem ist die Schädigung durch den Striegeleinsatz wesentlich geringer als bei den Belastungen im Versuch. Die Blaue Lupine ist jedoch wesentlich empfindlicher und regenerierte sich nicht nach Abschneiden der Triebe.
Sicher ist, dass der Besuch der Wissenschaftstagung viele Denkanstöße für die Arbeit in Luxemburg geben konnte. Die nächste Wissenschaftstagung ökologischer Landbau wird 2013 an der Uni Bonn stattfinden. Hoffentlich werden dann auch viele Luxemburger die Nähe des Veranstaltungsorts zum Anlass nehmen, sich dort auszutauschen.
Stéphanie Klaedtke, Steffi Zimmer, Raymond Aendekerk - IBLA Projekte und Versuchswesen



