IBLA

Tomaten für den Freilandanbau - Erste Ergebnisse

 

Das Problem

Viele HobbygärtnerInnen wirken der Geschmacksneutralität der in Geschäften erhältlichen Tomaten entgegen, indem sie sich einfach selbst mit Paradiesäpfeln versorgen. Ein problemloses Unterfangen – wäre da nicht die Kraut- und Braunfäule (Phytophthora infestans). Der Pilz befällt Stängel, Blätter und Früchte der Pflanzen und führt zu Ertragsminderung, in schwierigen Jahren sogar zu Totalausfällen. GärtnerInnen sind mit den typischen Flecken auf Pflanze und Frucht bestens vertraut und trauen sich kaum mehr, die Tomate ohne Bedachung anzubauen. Auch im extensiven professionelle Anbau im Tunnel ist die Fäule ein Problem.

 

Die Züchtung

Um den Ressourcen schonenden Freilandanbau wohlschmeckender Tomaten wieder zu ermöglichen, wurde 2003 an der Universität Göttingen das Freiland-Tomatenprojekt begonnen. Bernd Horneburg und sein Team haben auf der Basis von 3500 Tomatensorten ein ökologisches Züchtungsprogramm entwickelt und Züchtungsmethoden verbessert. Bisheriges praktisches Ergebnis dieser Forschung ist eine Auswahl Sorten unterschiedlicher Größenklassen und Nutzungsformen, die durch Robustheit, Frühzeitigkeit, herausragende Geschmackseigenschaften und Erntesicherheit überzeugen. Die ersten neuen Sorten, die Cocktailtomaten Primavera, Clou und Dorada, wurden 2010 zugelassen. Sie wurden gemeinsam mit KollegInnen aus Gartenbau, Handel und Beratung gezüchtet. Es bleibt eine Herausforderung, Sorten mit größeren Früchten zu entwickeln, da die Phytophthora-Feldresistenz tendenziell mit zunehmender Fruchtgröße abnimmt.

Testanbau in Luxemburg

Ob diese Sorten auch unter luxemburgischen Bedingungen den Freilandanbau von Tomaten ermöglichen, prüft nun das Institut fir biologësch Landwirtschaft an Agrarkultur (IBLA) in Zusammenarbeit mit dem Lycée technique agricole und Forum pour l'Emploi a.s.b.l., Projekt "am gaertchen" in Ettelbrück und Junglinster. Außerdem werden 4 Sorten für den kommerziellen Anbau in Bastendorf im Tunnelanbau getestet.

Erste Ergebnisse 2012

Die Resistenz gegen Kraut- und Braunfäule, die den Freilandanbau der Tomate in unseren Gefilden erschwert, hängt mit der Fruchtgröße zusammen. Allgemein gilt: Es ist schwerer, unter großfrüchtigen Sorten Feldresistenz zu finden, als unter Kleinfrüchtigen. Ziel ist es deshalb, resistente, großfrüchtige Tomaten zu züchten. Um ähnliches mit ähmlichem vergleichen zu können, sind die Sorten in den Graphen der Fruchtgröße nach geordnet. Die F1-Hybrid-Sorte ‘Philovita F1‘ (Cherrytomate; Fruchtgröße: 18g) und die Romatomate ‘Quadro‘ (70g) wird hier als resistente Vergleichssorte genutzt. Die frühreife Salattomate ‘Matina‘ (60g) gilt als anfällige Vergleichssorte. Folgende Sorten und Zuchtlinien aus dem Freiland-Tomatenprojekt wurden getestet.

Sorte / Zuchtlinie

Typ

Form und Farbe

‘Rote Murmel‘

„Wildtomate“ (2g)

rund, rot

‘Golden Currant‘

„Wildtomate“ (6g)

rund, gelb

Resi

Cocktail (20g)

rund, rot

Zuchtlinie 236-3-2 R 92

Cocktail (22g)

rund, rot

Zuchtlinie 214-5-4 R 8

Cocktail (22g)

rund-eiförmig, gelb

Primavera

größere Cocktail (25g)

rund, orange-rot

Primabella

größere Cocktail (25g)

rund, rot

Dorada

größere Cocktail (25g)

rund, gelb

Clou

kleine Salattomate (35g)

rund, gelb

Die Ergebnisse zeigen, dass es auch bei einem Testsortiment von Sorten, die auf Robustheit und Geschmack vorausgewählt wurden, markante Unterschiede in puncto Anfälligkeit und Ertrag gibt. Einige der Sorten zeigten trotz größerer Früchte eine Krautfäule-Resistenz, die mit der kleinfrüchtigen ‘Philovita F1‘ vergleichbar ist, insbesondere die Cocktailtomaten ‘Resi‘, ‘Primabella‘, ‘Dorada‘ und ‘R214-5-4-R8‘ (Abb. 1). Insgesamt lag war der Befallsdruck am Versuchsstandort in Ettelbrück höher als am stark windigen Standort Junglinster. Die meisten Sorten hatten im Mittel über beide Standorte vergleichbare Erträge (Abb. 2). Ausnahmen bilden ‘Philovita F1‘,‘Clou‘ und ‘Matina‘, die in Ettelbrück stärkeren Fruchtbehang zeigten, sowie ‘Resi‘´, die an beiden Standorten wenig Früchte bildete. Insgesamt lässt dies schließen, dass auch Cocktailtomaten im Hausgarten ihre Erträge sehen lassen können. 

 

 

 

 

 Abbildung 1: Pilzbefall. Im Juli (Ettelbrück) und August (Junglinster) wurde der Befall von Stängeln, Blättern und Früchten durch die Dürrfleckenkrankheit (Alternaria solani) und die Krautfäule (Phytophthora infestans) anhand von Noten von 1 bis 9 geschätzt; mit dem Schüssel 1 = keinerlei Befall, 9 = völligen Verlust der Pflanze. Es sind für jeden Standort die Mittelwerte über die Schätzungen und mehrere beobachtete Pflanzen gezeigt. Der Pilzbefall von ‘Rote Murmel‘, ‘Golden Currant‘ und ‘Quadro‘ wurde nur in Ettebrück erfasst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 Abbildung 2: Ertrag. Im Juli (Ettelbrück) und August (Junglinster) wurde der Fruchtbehang anhand von Noten von 1 bis 9 geschätzt; mit dem Schüssel 1 = kein Behang, 9 = sehr starker Behang. Es sind für jeden Standort die Mittelwerte über die Schätzungen und mehrere beobachtete Pflanzen gezeigt. ‘Rote Murmel‘ und ‘Quadro‘ wurden nur in Ettelbrück angebaut.

 

 

Das Fazit aus dem ersten Versuchsjahr lautet, dass die getesteten samenfesten Sorten für den Freilandanbau im Luxemburger Hausgarten auch über ihre Robustheit hinaus von Interesse sind. Obwohl die meisten der Freilandsorten Cocktailtomaten sind, ist von der mild-säuerlichen, knackigen ‘Clou‘ bis zur süß-saftigen ‘Primavera‘ für diverse Geschmäcker etwas dabei. Zusätzlich können die wüchsigen Wildtomaten (Lycopersicon pimpinellifolium) an Zäunen und Mauern im Garten interessante Hingucker darstellen. Besonders gespannt können wir auf den Werdegang der getesteten Zuchtlinien sein. Die Neuzüchtung ´Primabella´ wurde im Januar zugelassen und ist als Saatgut verfügbar.

Saatgut der Sorten in Luxemburg

Neugierig? Ab Februar ist Saatgut von vier der getesteten Sorten in 30-Korn-Gebinden im Shop des Haus vun der Natur (Shop nature; 5, route de Luxembourg; 1899 Kockelscheuer; Tel: 29 04 04-1) erhältich, darunter die orange-rote Neuzüchtung ‘Primavera‘ und die gelbe ‘Clou‘. Auch die Wildtomaten ‘Rote Murmel‘ und ‘Golden Currant‘ sind zu haben.

Informationen zu allen Sorten finden Sie unter www.culinaris-saatgut.de. Anbauhinweise für die Wildtomaten befinden sich auf http://www.uni-goettingen.de/de/48392.html.